out of time

Die 15 km K(r)ampf von Sonntag spüre ich noch deutlich in den Knochen. Nicht schmerzhaft, nur beansprucht.

Also führte ich heute Morgen Selbstgespräche. „Missus, wenn Du jetzt läufst, dann aber laaaangsam oder gar nicht. Klar soweit?“  Ich erwidere ein kleinlautes und dennoch trutziges Ja.

Weil diese Woche ziemlich vollgepackt ist, bleibt mir nichts Anderes übrig als morgens vor der Arbeit zu laufen, wenn ich nicht riskieren will, dann abends doch nicht dazu zu kommen oder weil ich einfach zu platt bin, um mich noch vor die Tür zu wuchten.

Daß ich die Mottenläufe und das Rumgeeiere in der Stadt nicht liebe, wißt ihr ja. Aber heute Morgen war ich ganz woanders.

Als ich gegen 6 Uhr loszockeln will, merke ich, daß mein ipod kurzfristig in Winterschlaf verfallen ist. Gut, dann also ohne Musik, im Dunkeln, in der Stadt, null optischer Reiz… maul, zeter, knurr.

Am Ende meiner Straße angekommen, biege ich spontan mal in eine andere Richtung ab.

Mein Weg führt mich zum (vermutlich) ältesten Stadtteil und schon nach ein paar Metern rieche ich den Regen, fauliges Laub, nasse Steine…. hmjam. Ich habe gar nicht genug Lunge, um das alles aufzusaugen! Zudem liegt kein, aber auch kein Fitzel Schnee mehr und allein darüber freue ich mich schon wie ein Kind, das seinen Willen gekriegt hat.

Dann komme ich an unseren Kirmesplatz und rieche Sägespäne und Tiere. Ah, Zirkus!

Eigentlich wollte ich hier nur einen Schlenker dranhängen und dann zurück zu meiner gewohnten Dunkelstrecke, aber die orange beleuchteten Seitengäßchen locken mich und es sind praktisch noch keine Autos unterwegs, also laufe ich frech mitten auf der Straße und bestaune, was ich sehe.

Erstmal bin ich verwundert, wieviele Menschen um die Uhrzeit schon den Fernseher anhaben. Da hab ich keine Meinung zu, aber ich höre dann lieber Radio.

Klar bin ich schon durch diesen Teil der Stadt gefahren, aber sooo habe ich ihn noch nie gesehen, erst recht nicht laufend. Dann nehme ich allmählich die kleinen Hutzelhäuschen wahr. Überall kleine Gassen, krumme, schiefe, bauchige, bucklige, verwinkelte, verbaute Fachwerkhäuschen so weit das Auge reicht. Hach, sind die hübsch!

Ich hätte euch gerne Fotos mitgebracht, nur das schafft das simple Kameralicht meines Handys nicht, aber irgendwann mach ich das mal.

Ich konnte mich gar nicht satt sehen und wo wir schon beim Thema Essen sind: irgendwann bin ich in der Schmandstraße und es schnuppert so lecker nach Holz aus den Kaminen, da bekomme ich spontan Lust auf Flammkuchen.

Ich bin total zeit- und ziellos, schlendere durch die Gegend und bin für ein paar wunderbare Augenblicke verzaubert.

Auf dem Rückweg holt das Stadtleben mich wieder ein. Weiße Laternen, Arbeitstierchen wie ich in ihren Autos, Durchatmen, Dusche…hallo wach! 😀

Wer hat noch Mützenleichen?

17 Responses to “out of time”

  • Steffen sagt:

    Ach liebes Evchen,

    danke danke für diese wunderbare Reise durch Dein Laufrevier, es hat riesigen Spaß gemacht und ich hatte richtig das Gefühl mit dabei zu sein.

    Das sind doch Läufe die so wunderbar und einzigartig sind, dass man sie so schnell nicht vergisst, gelle? Und was die Kraft geben und das Gemüt erhellen, herrlich.

    Flammkuchen, hhhhhmmmmmm, jetzt hab ich aber Hunger….und es sind noch zwei Stunden bis zum Mittagessen, grrr.

    Kann man einen Tag schöner beginnen?

    Ganz herzliche, aber doch etwas neidische Grüße,
    A-Hörnchen

    Evchen Antwort vom Februar 23rd, 2010 17:53:

    Liebes A-Hörnchen,

    ich bin immer noch völlig verzückt, daß mir die Häuschen nie so aufgefallen sind. Das macht mich ganz konfus. Ja, laufend nimmt man Vieles anders wahr!! Das hab ich von Dir, gell? 😉

  • Huch – bist Du sicher das Dich da nicht die Endorphine zum Narren gehalten haben? Ein nostalgisches Puppenhäuschen-Wunderland in unserer schäbigen Heimatstadt??

    Hmmm…zeigste mir das auch mal??

    Evchen Antwort vom Februar 23rd, 2010 17:56:

    Relativ sicher. 😉 Das bekommst Du natürlich gezeigt! ASAP, Cherie! 😀

  • matbs sagt:

    1) Herzlichen Glückwunsch, Mrs. Monster. Ich hoffe, die Trauung war angemessen schön. 😀

    2) Wenn du von deiner Straße aus anders als sonst abbiegen kannst und dann sofort irgendwo hinkommst, wo du noch nie gelaufen bist, hast du noch Einiges nachzuholen.

    3) Du warst noch NIE zu Fuß in den engen, fachwerkigen Seitengassen, die in bequemer Laufweite von zuhause liegen?
    Tssk, also manche Leut´ haben aber auch wirklich gar keinen Sinn fürs Neue…

    4) Apropos neu: Deswegen laufe ich auch gerne mal in geschlossenen Orten, da ist die neue Strecke nämlich oft nur eine Parallelstraße entfernt.

    5) Sich einfach mal nur treiben lassen, und dabei zufällig was Entdecken, mit dem man überhaupt nicht gerechnet hat, ist eine der schönsten Arten, was zu erleben

    6) Jetzt hab´ ich auch Hunger auf Flammkuchen gekriegt.

    Evchen Antwort vom Februar 23rd, 2010 18:00:

    1. Hallo erstmal. 😉

    1a. Jaja, blabla… geh laufen, dann hast Du nicht so viel Zeit, Feinheiten zu zerpflücken. *frechbin*

    2. Üblicherweise wähle ich erstmal den allerschnellsten Weg aus der Stadt raus und das ist nicht da lang.

    3. Nope. Oder doch, aber nur teilweise, wenn Pfingstkirmes ist und dann hab ich wenig Augen für schmucke Hexenhäuschen, ich Fahrgeschäftejunkie ich.

    4. Das reizt mich jetzt so generell gesehen nicht wirklich.

    5. Absolute Zustimmung!

    6.Dazu gleich mehr….

  • Feuerpferdle sagt:

    Stelle ich mir interessant vor, morgens früh durch das Städtchen zu laufen und zu schauen, wer schon wach ist, neue Ecken zu entdecken… Und morgens um 6 Uhr spontan Lust auf Flammkuchen? Huch… Ich glaub, ich muss Dich irgendwann mal ins „Flammkuchenland entführen“ – warst Du schon einmal im Elsaß Flammekueche essen?

    Ich gönne mir jetzt ein Regenerationsläufchen – muss mich ja für Sonntag „topfit erholen“… 😉

    Evchen Antwort vom Februar 23rd, 2010 20:35:

    Also, wenn ich ehrlich bin, kriege ich die ersten Minuten nicht allzuviel mit; vielleicht daher das Entdecken, weil ich mich mitten auf der Strecke frage, wo ich wohl gerade bin. Ich versuche morgens diese Verschlafenheit so lange aufrecht zu erhalten, bis ich vor der Tür bin. Hätte ich nämlich einen klaren Moment, ich fiele direkt wieder ins Bett.
    Liebelein, da wo ich geboren wurde ist das Elsaß ein Bächlein und ein Brückelchen entfernt, aber es darf sich heute Deutschland nennen. Mein bester Kumpel nennt es immer Ostfrankreich. *prust* Und wo ist Dein Flammkuchenland? Ist das ein Restaurant oder die Region? 😀

  • ultraistgut sagt:

    Tapfer, tapfer, wer um 6 Uhr morgens laufen geht, der meint es wirklich, wirklich ernst.

    Tja, und was du so beschreibst, das ist genau das Schöne am Laufen, weil man so viele Dinge entdeckt und bewusst erlebt, an denen man vorher achtlos vorüber gezogen ist. Laufen mit allen Sinnen und sich gut fühlen, auch wenn es frühmorgens ist.

    Wann gibt es denn Flammkuchen ?
    Vielleicht noch ein Gläschen Rotwein, am liebsten mag ich Dornfelder trocken !
    Sag doch bitte rechtzeitig Bescheid, gell ? 😉

    Evchen Antwort vom Februar 23rd, 2010 20:38:

    Liebe Margitta,

    ja, der meinte es zumindest in dem Moment ernst und macht ernst. 😉 *herzhaftgähn*

    Der arme Christian muß es dann nur ertragen, daß ich schon voll wach bin, wenn er aufsteht und mein Mundwerk steht nicht still. 😳

    Also, man darf ja heute trinken,was man mag, aber ich würde da einen Weißen zu reichen. Ich tu gerade nur so, als ob ich davon was verstünde. *lach*

  • Evchen sagt:

    @all: Irgendwann mache ich hier mal ein Blogessen, d.h. ich koche lauter Leckereien, stelle Fotos online und nur wer lieb ist, kriegt ein Stück. 😉

  • Hannes sagt:

    Ich steh nicht auf Flammkuchen.

    Aber ich mag deine Beschreibungen. In den nächtlichen Stunden ist der eigene Ort ein ganz anderer. Da lohnt sich definitiv eine Tour.

    Und ansonsten, so wenig Ahnung von der Stadt zu haben, das ist ja traurig, hm? ;-P Da muss man entweder einen Sinn für finden, oder in einen kleinen Ort ziehen – da ist man schneller mit allen Straßen durch 😉

    Bin immer noch stolz auf dich. Morgen Früh wird noch schöner, hm? x)

    Evchen Antwort vom Februar 24th, 2010 09:23:

    Nee, Du bist ja eher der Labskaus-Typ. Hihier *mitdemfingeraufdenbodenzeig* essen wir leckere Sachen. *kringelundweg*

    Ach, nee. Ich habe noch nie in meiner Stadt gearbeitet und bin auch nur zugezogen. Das ist Rechtfertigung genug (glaube ich). *flöt*

    Also, schöner war DER Lauf, aber früher war heute Morgen. *herzhaftgähn*

  • sandra sagt:

    *auch ein wenig verzaubert bin*..allein durch deine wunderbare Beschreibung. 🙂

    Schön, dass du es schaffst so früh morgens zu laufen. Ich bin zwar morgens relativ fit, aber das schaffe ich aus Zeitmangel gar nicht…hmm morgen früh könnte ich….*grübel*

    Naja, du weißt, ich bin da nicht soo eisern*g* Ich find`s toll, dass du einen so schönen Morgenlauf hattest. Auf zum nächsten! 😀

    LG

    btw, hast du jetzt eigentl. mal bei Decathlon bestellt?

    Evchen Antwort vom Februar 24th, 2010 09:33:

    Wenn die Eindrücke noch ganz frisch sind und ich direkt zum Schreiben komme, sind die Berichte am emotionalsten. 😉 Probier es einfach mal. Es geht ja nicht um dauerhaft, aber mal gemacht haben…
    Nö, bei Decathlon hab ich immer noch nix bestellt. Wir hatten zu oft Gelegenheit, in Laufgeschäften zu schnuddeln. *flöt*

  • Saba sagt:

    Diesie überraschend neuen Perspektiven hatte ich auch gerade – wenn auch nicht in „schön“ so doch aber in „schneemäßig lauftechnisch möglich“. 🙂

    Im Sommer gehts mir oft ähnlich – wenn ich durch und über die Dörfer mit dem Rad unterwegs bin – da begegnen mir – so ganz nah, quasi nebenan und doch nie gesehen, weil nicht auf den „Arbeitsstrecken“ liegend – wunderhübsche malerische kleine Orte, winkelige Gassen und hübsche bunte Bauerngärten. Eine vogelzwitschernde Stille liegt in der Luft (ich fahre ja meistens an Wochenenden) und es duftet überall nach Blumen. *träum

    Aber diese 40 km, die ich dann fahre, die laufe ich noch längst nicht – meine Strecke bleibt also vorläufig gleich 😉

    LG Saba *heute wieder mit Schneeschaufel

    Evchen Antwort vom Februar 24th, 2010 11:33:

    Oh, man! Was macht ihr denn da oben? Das ist bestimmt die Strafe dafür, daß ihr keinen Dialekt habt. 😛

    Boi, mit Deiner Beschreibung hast Du mich echt gerade für einen Augenblick in den Sommer versetzt und ich konnte riechen, wie es morgens dann duftet und… hach!
    40km schaffe ich wahrscheinlich nicht mal auf`m Rad, weil mir dann das Hinterteil bis dahin abgefallen ist. *gesichtverzieh*

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