Jetzt bloß nicht stehenbleiben.

Ab einem gewissen Punkt bei meiner heutigen Tour für das Halbfinale der WM-Laufspiels, machten meine Beine schlapp. Es waren weniger die Schmerzen (die waren aber auch lecker *jammie*), sie wollten einfach nicht mehr funktionieren. Und wenn ich einmal dachte, ich halte es nicht mehr aus und gehe ein paar Schritte, fangen die Knie bedenklich an zu wackeln und ich knicke bei jedem Schritt ein. Kein gutes Zeichen.

Doch von vorn: Die Tour fängt gut an. Ich habe heute frei, als Ausgleichstag für den anstehenden Samstagsdienst. Es ist sonnig, aber windig und im Vergleich zu den Vortagen schon fast angenehm kühl. Durch die kühleren Temperaturen konnte man auch mal wieder tief und fest schlafen.

Mein Ziel heute? Keine Ahnung. So weit, wie es irgend geht, denn mein Gegner ist eine harte Nuß. Ich nehme mir vor, ganz langsam zu laufen, so langsam es irgend geht und als Kontrolle benutze ich den Puls. Nicht mehr als 140 Schläge sind meine Vorgabe. Nach 5km in 45min. denke ich mir schon: „Na, das kann ja heiter werden.“  Ich beschäftige mich mit den Eindrücken drumrum und abwechselnd immer mal wieder ein paar Liedern auf`m Ohr und meinem liebsten Laufgedenke: Zahlenschubsereien. Es plätschert so angenehm vor sich hin, wenn man sich immer wieder die Strecke, die Zeit, die Uhrzeit, den nächsten Baum oder was weiß ich „errechnet“.

Unterwegs treffe ich auf einen freundlichen Nordic Walker (ein ehemaliger Läufer, der nach beidseitiger Hüft-OP auf`s Stöckchenschwingen umgestiegen ist), der neben mir schwatzend einen Teil seines Intervalls absolviert. Stellt sich jetzt die Frage: Ist er so schnell oder ich so langsam? Das Genialste: seine Stöcke klacken nicht, weil er irgendwelche Gummistoppen drauf hat. Sehr angenehm.

Irgendwann trennen sich unsere Wege wieder und ich tingele gemütlich in Richtung Rheinpromenade. Meine Salzplörre ist allmählich alle und ich freue mich schon auf eine eiskalte Cola Light und esse heute zum ersten Mal etwas, obwohl ich ja gleich noch weiter laufe. Eine Laugenbrezel mit Butter, die mir gut bekommt. Experiment geglückt: ich kann was mampfen und danach noch weiterlaufen.

Ab jetzt wird es allmählich anstrengend. Ich nähere mich der magischen Marke des bisher weitesten Monsterkilometers. Meine Beine sind schon ziemlich holzig, aber noch ok. Mein Kopf hingegen…alle zwei Minuten erzählt er etwas anderes. Dann folgt die Abzweigung nach Hause.

Zwei Kilometer und ich könnte zuhaus sein. Die Verlockung ist groß. Ich stapfe eilig weiter geradeaus. Bloß weg hier! Doch nach einer viel zu kurzen Weile ist Schluß. Dickicht. Ich muß umdrehen. Links knickt ein Weg in den Wald ab, der parallel zur Rheinpromenade verläuft und mich nach ein paar hundert Metern wieder an besagte Abzweigung nach Hause bringt. Der Forerunner zeigt 20,88km. Mein Kopf schaltet auf stur und ich laufe wieder Richtung Rheinpromenade, wieder bis Ende, wieder durch den Wald bis zum Abzweig der Verlockung. Die Runde ist 2,irgendwas Kilometer lang, stelle ich fest. Die Beine tun weh und ich würde gern einmal kurz pausieren. Aber doch nicht hier! Los, weiter. Noch eine Runde. Bei km 25,14 schicke ich meinem Julchen eine mms u.A. mit dem Text: noch 4,86km bis zur nächsten Zigarette (die letzte ist mehr als vier Stunden zurück *schmacht*) und telefoniere kurz mit der besseren Hälfte. Ich will nicht, daß er mir sagt: „Das reicht. Das ist mehr als Du je zuvor gelaufen bist.“ und deshalb bitte ich ihn direkt, mir nur zu sagen, daß ich das schaffe und es gut sein zu lassen. Als ich wieder anlaufe, merke ich, daß die kurze Pause nicht gut war. Ich weiß direkt, wenn ich jetzt noch einmal stehenbleibe, dann war`s das.

Unendlich langsam nähert sich das Ende der nächsten Runde. Ich bin so stark versucht, jetzt „falsch“ abzubiegen. Im Kopf gehe ich durch, was ich tun kann. Ich will schon mein Handy zücken und irgendwen anrufen, der mir Mut macht. Ich denke an Julia, Daniela, Margitta, Steffen…. und während ich mich noch frage, was sie mir denn überhaupt sagen könnten, bin ich wieder rechts abgebogen, zur nächsten Runde.

Als ich endlich die letzte Runde gelaufen bin, erlaube ich mir bewußt, jetzt (jetzt, jetzt, jetzt, jetzt endlich) nach Hause zu laufen. Die letzten zwei Kilometer sind nochmal eine Herausforderung, weil ich über zwei Straßen muß. Vor`m Stehenbleiben habe ich Angst, aber zum Glück kommt kein Auto und ich kann direkt drüber. Der letzte Kilometer ist ein Hin und Her zwischen Forerunner abdrücken, ein paar Schritte zurück gehen. Forerunner wieder andrücken und wieder ein paar Meter laufen.

Dann endlich: meine Straße! Ein paar letzte Meter, ich drücke ab bei 30,1km in 4:03:55h.

Die Treppen zu unserer Hochparterrewohnung komme ich so lala hoch und ich brauche fast zwei Stunden, bis ich mich zum Duschen aufraffen kann. 😳 Danach vernichte ich eine halbe Packung Cornflakes mit Erdnüssen und jetzt gibt es eine megafette Pizza. Ha!

Ob das heute für den Sieg gegen Neuseeland gereicht hat, ist mir gerade mal sowas von egal (hat mich aber während des Laufes unheimlich motiviert).


30 Responses to “Jetzt bloß nicht stehenbleiben.”

  • Gerd sagt:

    Respekt, Respekt!
    Und das ganze ohne Zigarette. 😉
    Wenn unsere Jungs sich Morgen so reinhängen, braucht man sich keine Sorgen zu machen. Das hast Du prima gemacht!!!!
    Ich hoffe Du kannst Dich Morgen überhaupt bewegen. Ich gehe aber fest davon aus, dass es verdammt weh tut morgen Früh und drücke Dir die Daumen das es nicht ganz so schlimm wird!
    Du bist die Beste!!

  • Heike sagt:

    Toll geschieben. 🙂 . Du hast auf jedenfall gewonnen wenn auch vielleicht über Neuseeland.
    Genau so erging es mir bei meinem ersten 0iger und dann wusste ich 42 schaffste auch
    Gute Erholung bis um WE

  • Gretel sagt:

    Super! Jetzt gönn Dir was, wenn Du nicht schon hast, eine richtig dicke Belohnung 🙂

    LG
    Christian

  • Blumenmond sagt:

    Mir tun direkt mal die Beine mit weh, wenn ich das so lese. Uff…

  • Hannes sagt:

    Mein liebes Evchen, eine ganz starke Leistung! Da hast du dir den freien Tag genau richtig gelegt. Auch wenn es nicht mehr ganz so heiß war – warm war es trotzdem. Da wird so ein langer Lauf noch mehr zur Tortur. Sei stolz auf dich – diese Leistung ist grandios genug!

    (Dass die Daumen trotzdem gedrückt sind, ist selbstverständlich)

  • Kai sagt:

    Sehr stark!!

  • Marcus Krüger sagt:

    Bravo! Super Projekt! Ich denke, da ist auch noch ein Dank an den Brennr drin, da er diese schöne Lauf-WM auf die Beine gestellt hat.

    Du kannst Deinen Telefonjokern auch vorher ein Kärtchen geben, was sie Dir sagen sollen, falls Du befürchtest, dass sie Dich nicht richtig anfeuern oder mit Sorgen angekrochen kommen.

    Ich bin mir sicher, dass da sogar noch was drin war. So viele Gehpausen waren noch nicht dabei, oder?

    Herzlichen Glückwunsch zu Deinem ersten 30er. Ganz ganz wichtiger Meilenstein einer Laufkarriere.

    mk

    Evchen Antwort vom Juli 9th, 2010 17:54:

    Bis auf eine ca. viertelstündige Pause für Essen und Trinken waren es 4-5 weitere Steh-Geh-Dehnpausen insgesamt. Hätte ich um eine Wassermelonenflatrate und nicht um einen gravierten Pokal gekämpft, wäre ich bis in die Schweiz gelaufen, bestimmt.

  • Laufline sagt:

    Hihi, ich darf noch mal : Bafana, Bafana! *trööööt*
    Herzlichen Glückwunsch, liebe Eva. Das macht Dir so schnell keiner nach! Mal eben so 30 km laufen… du bist ja verrückt 🙂 Ich hoffe, Deine Leistung beflügelt Dich auch am Tag danach!

  • Mir fällt immer noch nicht mehr dazu ein als „Du verrückte Nudel“ und ich finde Du müsstest ein Grinse-Foto von dir heute hier einstellen – ja? 🙂

    Evchen Antwort vom Juli 9th, 2010 17:55:

    Von mir selbst gibt e keins, aber das da: http://laufblog.wordpress.com/2010/07/01/3-jahre-laufblog/ kommt dem zemlich nahe. 😛

  • Melanie sagt:

    Hallo Evchen,
    was lese ich denn da???
    Du drehst ja voll auf. Von jetzt auf gleich läufst Du einfach mal über 30 Kilometer!!! Klasse Evchen Du bist eine Heldin!

    Liebe Grüße Melanie

  • Pierle sagt:

    Puh – das ist ja harter Stoff.
    Da läuft die einfach mal so nen 30er!!

    Respekt!!

  • Steffen sagt:

    Ev….Evc….Ech…….EEEEVVVCCCHHHHHENNNN!
    Du bist, also, Du…..ähm Du Tier…..Du……Du……*SPRACHLOS*

    Was ich hier lese ist so unfassbar, so unglaublich, Du bist so unglaublich, Du Kampfsau!!!!!!!
    Ich bin unendlich stolz auf Dich, Du bist der Knaller, Du bist der Hammer, Du bist die Heldin, Du bist spitze, Du bist die Siegerin – für Dich unvorstellbare 30 Km, so weit wie niemals zuvor, gleich 10 Km weiter….. – Kurz

    DU STEHST IM WM-FINAAAAAAAAAAAAALE!

    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!!!!

    Und die Art und Weise, wie Du das gemacht hast, wie Du gekämpft hast, wie Du dich immer und immer wieder motiviert hast, ich bin so begeistert, so stolz, so, so, ich fasse es nicht.
    Evchen, wenn es Dir hilft, RUF MICH AN, wann immer Du willst, jeder Zeit, immer darfst Du das!

    Und jetzt, bitte, ruhe Dich aus, erhole Dich, oh Frau, Du hast es sooooo verdient.

    Lass Dich umarmen, warte wenn wir uns sehen, ich falle Dir für diese unglaubliche Leistung aber auch so etwas von um den Hals!

    Ein fassungsloses
    A-Hörnchen

    P.S: Auf Margittas Kommentar bin ich mal gespannt!

  • Martin sagt:

    Ich habe heute NAcht schon mal einen Post geschrieben- aber leider funzt das mit dem Handy nicht immer ;-(
    Also…..
    Eva -du bist der Hammer !!!! Echt, ich bin ganz baff. Hättest du mir das voeher gesagt- ich hätte daran gezweifelt. Du machst dermaßen Fortschritte- das lässt wirklich Raum für Spekulation.
    Und meien Nummer hats du ja schon 🙂

    Evchen Antwort vom Juli 9th, 2010 17:56:

    Und Du meine. 😀

  • Eddy sagt:

    ….boah, ich bin quasi mit gelaufen beim Lesen! Super-Leistung, großes Kino! Meine Hochachtung – und meine Gratulation zum Einzug ins WM-Spiel FINALE, yeah!

    Ich muss heute noch mein Halbfinale laufen, aber wenn ich mir so ansehe, was mich nun im Finale erwarten würde, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich das überhaupt schaffen will…. *zwinker*

    Ruh Dich aus bis Sonntag – und für diesen Tag drücke ich Dir natürlich jetzt schon die Däumchen!

    Ach, und noch was: DU RAUCHST NOCH??? Das gibt’s ja wohl nicht! Hör sofort auf damit. Das geht! Wir können uns gern mal darüber unterhalten, wenn Du willst!

    Evchen Antwort vom Juli 9th, 2010 17:57:

    Eddy, verlier sofort, hm, sagen wir mal 35kg. Das geht! *zungerausstreck* http://missmonster.de/?p=288 Alles zu Deiner Zeit. 🙂

  • Lauflöwe sagt:

    Gratulation zum monstermäßigen Lauf, Evchen!

    Da werde ich doch gleich mal das Tentakel-Orakel befragen ob du auch das Finale gewinnst… 😉

    Evchen Antwort vom Juli 9th, 2010 17:58:

    Auf die Dinger geb ich grad nix. Mäps. Dann orakelt das Teil nch, daß Honduras gewinnt und hat am Ende recht. Nä! 😉

  • Auch von mir meinen Herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten 30km Lauf! Weiter so dann ist der Marathon auch nicht mehr weit! 🙂
    LG
    Frank

    Evchen Antwort vom Juli 9th, 2010 18:09:

    Schön, Dich einmal hier zu lesen! 🙂

  • Saba sagt:

    Wow. Ich bin ja vollkommen sprachlos… Da läuftse mal eben 30 km, und raucht auch noch. Was ne Kondition…

    Glückwunsch! Und die Zigaretten kommen auch noch weg *gelle 😉

  • Marco sagt:

    HAMMER Evchen, echt HAMMER deine Leistung. Da hätte sich unsere Jungs gestern mal eine Scheibe von abschneiden können.

    Ich bin gerade mal etwas Sprachlos.

    Ich freue mioch riesig für dich um dieser tollen leistung.
    Halte sie in Erinnerung sie wird dir immer bleiben.

    Liebe Grüße
    Marco

  • silke sagt:

    mensch evchen, du läufst rauchend einfach so 30 km … wie weit könntest du denn ohne rauchen? gleich ’nen ultra?

    du bist …. spiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitzeeeeeeeeee

  • Bernd sagt:

    Ich möchte Dir auch zu Deinem ersten 30 km-Lauf gratulieren, eine super Leistung vor der ich riesigen Respekt habe. Da bin ich schon gespannt auf Deinen ersten Marathon. 🙂

  • Daniel sagt:

    Respekt, vor allem weil du die ganze Strecke auf einmal gelaufen bist und nicht früh und abends in zwei oder noch mehr Teilen. Mein Ausscheiden kann ich mittlerweile immer besser verkraften, da es immerhin gegen mindestens den Zweiten der Lauf-WM ging. ;-)) Viel Erfolg fürs Finale und nun hol dir den Titel!!!

  • Großes Loooooooob!
    Leider war ich diese Woche viel in der Arbeit und wenig im Netz. Daher gratuliere ich sehr spät, aber umso herzlicher zu deiner Leistung. Du kannst sehr zufrieden und stolz auf deine tolle Entwicklung zurückblicken. Ganz besonders wichtig aber ist der Blick nach vorne, zum nächsten Ziel! Was immer das sein mag, du schaffst das …!

    Evchen Antwort vom Juli 9th, 2010 18:31:

    Ach Reinhard, ich bin im Kopf immer noch beglückt von dem Lauf, also gratulierst Du auch kein Stück zu spät. Danke auch Dir! 🙂

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