ein Vollhorst und ein echter Horst

Das Wetter war wider Erwarten toll. Ab nachmittags vertrieben die Sonne und ein starker Wind die Wolken.

Mein Adrenalin war schon um kurz nach elf Uhr morgens aufgebraucht, also ging es mir ab da etwas besser.

Start ist um 15:30 Uhr. Wir kommen entspannt und frühzeitig an, holen unsere Startunterlagen ab und treffen uns mit meinem Laufvater Albert und ich laufe mich gemütlich mit ihm ein.

Meine Anspannung ist mäßig und erträglich (was sie in den Tagen zuvor nicht war).

Als wir uns für den Start einreihen, meint Albert:“Nix hinten anstellen. Das kostet wertvolle Sekunden. Wir gehen in die Mitte. Die Straße ist breit genug, daß sich auch Überholende nicht dadurch gestört fühlen.“

Gesagt, getan und „Peng“, ein unromantischer, aber pünktlicher Startschuß. Nur 8 Sekunden später sind wir über die Ziellinie.

Geplant war, daß ich es ruhig angehen lasse (also über 6min.), aber bereits den ersten Kilometer drücke ich mit 5:52 min. ab. Keine Panik, Eva, es läuft doch gut. Du atmest gleichmäßig und fühlst Dich wohl. Nächster 5:51, dann 5:49, 5:40…

An jeder einzelnen Steigung kann ich in konstantem Tempo und ohne merklich mehr Anstrengung hoch und kassiere dabei jedes Mal 5-10 Läufer ein. That`s fun und es hat Tetrischarme! Dazwischen klebe ich mich immer an irgendeine Ferse. Es war die richtige Entscheidung, spontan doch nur im T-Shirt und 3/4-Hose zu laufen.

Ungefähr bei Kilometer 4 muß ich mit ansehen, wie welche, von den Streckenposten unbemerkt, abkürzen, weil die Chips nur im Start und im Ziel gelesen werden. Naja, ich habe keine Muse, mir da jetzt Gedanken drüber zu machen, aber arschig finde ich das schon.

Kilometer 6 bricht an und ich grinse in mich hinein. Es läuft super! Mein Tempo ist besser als gedacht, die Sonne lacht und ich habe schon mehr als die Hälfte geschafft und plötzlich: „Pauz“! Mein Bauch fängt Feuer!

Der Schmerz ist annähernd höllisch (Wie ich mittlerweile weiß, war es einfach nur Seitenstechen deluxe.) und ich habe spontan Angst (weil gerade an der Stelle vorbelastet). Trotzdem bleibe ich ruhig, mache ein wenig langsamer, atme flacher und nur aus oder ein (vergessen, wie herum), wenn ich mit dem Bein der anderen Körperseite auftrete. Es nützt nix und ich bleibe stehen, halte mir fest den Bauch. Nach den fiesesten Sekunden gehe ich langsam weiter. Es wird aber nicht besser. Damn!! Ruhig atmen, ruhig…. nützt nix, also probiere ich nochmal zu laufen. Es tut genauso weh, aber nach ein paar Sekunden wird es zumindest um so viel leichter, daß ich langsam traben kann. Ein Kilometer in weit über 7 min. Ich könnte heulen und würde am liebsten stehenbleiben. Meine Motivation ist im Keller und als ich dann vor der nächsten Steigung bin, treibt mich blanke Sturheit hinauf. Auf einmal ist ein Läufer neben mir und ich höre ihn etwas sagen und frage mich: „Hat er gerade `Bravo!´gesagt?“ Ich nicke ihm unverbindlich zu, weil es auch einfach ein Gruß hat sein können.

Auf der folgenden Ebene gibt mir der Gegenwind den Rest und ich komme gefühlt gar nicht mehr voran. Der Herr setzt sich vor mich und sagt, diesmal laut und deutlich etwas wie: „Du schaffst das. Schau auf meine Füße. Ich zieh Dich.“

Völlig geplättet tue ich genau das. Die nächste Steigung naht, er winkt mich links an sich vorbei, damit ich die kürzeste Kurvenlinie laufen kann und fällt selbst zurück mit dem Kommentar: „Ich habe Schmerzen in der Achillessehne. Ich kann heut nid so. Du kannst die Stunde noch schaffen. Lauf!“ Und das „Lauf“ ruft er mir auch noch hinterher, als ich schon zweihundert Meter weiter bin. Ich bin fix und alle und frage mich bei jedem dritten Schritt, wie ich noch den nächsten schaffen soll. Aber ich laufe, irgendwie. Die letzten paar hundert Meter herrscht noch einmal Verwirrung, weil ich ganz allein bin und das Gefühl habe, parallel zum Ziel zu laufen und dann vor Stotter und Haspel nochmal ins Gehen verfalle. Wie aus dem Nichts heraus ist eine Bekannte neben mir und ich sehe das Ziel. Ich fange nochmal an zu laufen und wir laufen zu zweit nebeneinander über die Ziellinie. Vom Fotografen oder Veranstalter darf sie sich prompt einen Anschiß abholen, weil sie ohne Startnummer über die Ziellinie läuft.  Ups.

Wenige Sekunden später kommt mein Retter auch an und ich falle ihm ohne irgendeine Scheu um den Hals und bedanke mich herzlich!

Horst heißt er und beim Deichlauf im Mai wollen wir es beide besser machen.;-)

Ich bin ein bißchen sehr böse mit mir, weil ich mir den Lauf einfach falsch eingeteilt habe. Insgesamt bin ich aber fast 2 min. schneller gelaufen, als beim letzten Zehner und um einige ganz wichtige unangenehme und angenehme Erfahrungen reicher.

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Meine Aktivitäten 27.03.2010, Tempo - Distanz

Glückwunsch auf diesem Wege noch an meinen ♥-Sinusläufer! Er hat heute erfolgreich debüttiert.

58 Responses to “ein Vollhorst und ein echter Horst”

  • Evchen sagt:

    Es ist ein kleiner Trost für`s Ego, daß ich durchgelaufen bin und der Lauf wird mir dennoch als besonders schön in Erinnerung bleiben wegen Horst, weil Christian erfolgreich debüttiert hat, weil die Stimmung einfach schön war….
    Trotzdem kommt es mir vor, als hätte ich für eine Prüfung gebüffelt und eine zwei verdient, wenn alles glatt gelaufen wäre, vielleicht sogar eine eins Minus geschafft und am Ende stehe ich jetzt mit einem „ausreichend“ da. 😉

  • Evchen sagt:

    Danke, Bernd. Du bist lieb. Den Lauf habe ich jetzt wirklich als Erfahrung abgeschrieben und ich bin sehr froh, so viel Menschlichkeit erlebt zu haben. 😀

  • Evchen sagt:

    Es wird nächste Versuche geben und ich bin ja noch jung. 😛
    Das Jahr allerdings ebenfalls, also… dranbleiben. Wie sagt Julia so schön: Manchmal verliert man und manchmal gewinnen andere.

  • Anne sagt:

    *Schnief*! Mir als Obersentimentalistin kommen bei der Horst-Geschichte ja fast die Tränen 😉 Die „Horsts“ dieser Welt sind großartig. Beim Westparklauf in München vor zwei Jahren hat mich die spätere Siegerin quasi ins Ziel gequatscht! Sie ist beim Auslaufen (!) neben mir hergetrabt und hat mir Mut gemacht! War echt ein tolles Erlebnis!

  • Saba sagt:

    Hihihi 😀

  • Laufline sagt:

    Hallo Eva – ich hatte auch einmal einen Horst. Daran denke ich jetzt immer noch mit einem Lächeln zurück. Leider konnte ich ihn nie „identifizieren“. Hätte mich gerne für seine Arbeit als Zugpferd bedankt 🙂 Vielleicht werden wir beide irgendwann mal selbst ein Horst 🙂 Zwar verspätet, aber genauso ernst gemeint: Glückwunsch zum Lauf!!! Viele Grüße, Laufline

    Evchen Antwort vom April 22nd, 2010 12:15:

    Hi Laufline,

    schön, daß Du hier mal vorbeischnuddelst. Der Lauf war menschlich schön, aber läuferisch…naja. Danke Dir. 😀

  • […] den Lauf wirklich genossen, Spaß gehabt und das Wichtigste ist; ich habe die Angst, die vom letzten Krepierlauf noch in mir war, […]

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