Archive for Oktober, 2010

Amen

Der Wecker klingelt um 5:15 Uhr. Aufstehen klappt noch ganz gut, Kaffee andrücken, die Laufklamotten liegen schon strategisch neben dem Bett bereit. Erst unnerum, dann Zähneputzen und Haare zusammenknuddeln, dann owwerum anziehen. Der erste Schluck Lebenselixier schmeckt wie immer köstlich bitter, belebt heute aber nicht wirklich. Ich bin so müde!

Ich bin ernstlich versucht, mich noch einmal auf`s Ohr zu hauen. Die einzigen Dinge, die mich davon abhalten, sind das Wissen, daß ich auch ohne Schwitzen vor der Arbeit duschen muß und ich nach dem Laufen wacher sein werde.

Also Käffchen ausschlürfen, Guten-Morgen-Musik auf die Lauscher und ab vor die Tür.

Nach wenigen Minuten bin ich frisch, die Sinne sind hellwach. Es läuft.

Ein paar Minuten später ist allerdings auch mein Körper wach und fordert plötzlich dringend Erleichterung.

Ich bin nicht so schamhaft, daß ich mich nicht einfach an den Wegesrand verdrücken könnte. Aber gerade im Dunkeln bin ich zwar nicht überängstlich, doch stehenbleiben ist mir schon unangenehm.

Zum Glück hat mich meine bessere Hälfte im Sommer (als ich ganz ähnlich gehandicapt war) auf ein unersetzliches Kleinod aufmerksam gemacht; einen Friedhof am Rande eines nahegelegenen Stadtteiles.

Bis dahin ist es noch gut ein Kilometer, aber es lohnt sich, die Zähne zusammenzubeißen, denn auf diesem Friedhof gibt es eine Toilette, die immer geöffnet ist!

Halleluja! Ich kann entspannt nach Hause traben.

Es erstaunt und freut mich über die Maßen, daß es tatsächlich noch öffentliche Dinge/Stellen/Gegenstände gibt, die nicht entweder völlig verdreckt und verwahrlost und damit quasi unbenutzbar oder abgeschlossen sind.


Umkehrprinzip

Stillhalten, wenn es weh tut. *Vogelzeig*

Das wird in Zukunft meine LETZTE Wahl sein.

Eine Weile vor meinem Halbmarathon und danach habe ich das Krafttraining ausgesetzt, weil ich dachte, der Laufplan fordert mich schon genug und das ungewohnte Tempotraining bescherte mir seit Juli einen gefühlten Dauermuskelkater im Allerwertesten.

Nach dem Halbmarathon mache ich natürlich langsam und ganz wenig, weil man das eben so macht. Erst vier Tage danach schnüre ich das erste Mal wieder für eine kleine 7km-Runde die Schuhe.  Ich laufe nicht über eine Stunde am Stück und ganz ganz langsam.

Eineinhalb Wochen später sind der Muskelkater und das Geknarze weg, aber ein komisches Gefühl im Knie bleibt. Ich mache weiterhin nur Läufe von 5-8 km und nur 2-3  Mal die Woche. Das entspricht etwa einem Drittel meines üblichen Wochenpensums.

Mittlerweile zieht „das Knie“ bis in den Oberschenkel. Es schmerzt nicht, fühlt sich aber dauerhaft so an, wie wenn man sich den Musikantenknochen gestoßen hat.

Ich fange an zu dehnen, was sich gut anfühlt, die Beschwerden aber auch nicht dauerhaft fernhält.

Da ich nicht unvernünftig sein möchte, versuche ich es schweren Herzens und giftspeienden Gemüts auch einmal mit einer völligen Laufpause und halte eine Woche lang die Füße still, obwohl ich so gern laufen möchte und die Hufe scharren.

Es wird dennoch nicht besser und ich wechsele selbst auf der Arbeit ständig die Bürostuhlposition, weil das Sitzen unangenehm ist.

Etwas verunsichert, wie ich mich jetzt weiter verhalten soll, mache ich einen Termin beim Orthopäden.

Der untersucht mein Fahrgestell genauestens und kann mir zumindest versichern, daß es keine Sehne, kein Knochen, kein Gelenk und kein Riß ist. Das reicht mir, um endlich das zu tun, wonach ich mich fühle: Laufen!

Alle Tempi, die ich zur Verfügung habe, laufprobiere ich durch, also von 8min/km bis 5min/km. Währenddessen merke ich gar nichts von dem Bein. Null! Danach ist es weder besser noch schlechter.

Am nächsten Tag wage ich mich das erste Mal wieder ins Fitnesstudio. Und siehe da, nach dem Kraftprogramm für die Beine ist das Bein nur noch mein linkes Bein und kein Störenfried mehr; ganz plötzlich. Auch zwei Tage und ein weiterer Lauf danach-alles gut.

Diese ganze „Aktion“ zeigt mir doch ganz eindeutig, daß mir mein Körper vorgibt, was er für angebracht hält.

Wenn ich mich einmal so gar nicht aufraffen kann, dann sollte ich es auch lassen. Es hat sich bisher meistens gezeigt, daß es nicht allein Lustlosigkeit war, sondern ich brauchte Ruhe. Umgekehrt heißt das für mich aber auch, daß ich mir ruhig vertrauen kann, wenn jede Faser in mir laufen möchte.

Und deshalb werden morgen endlich mal wieder meine grünen Flitzer ausgeführt, weil ich da sowas von Bock drauf habe! 😀

Vertrauen

Wenn man das Wort „Vertrauen“ googelt, spuckt einem das Internet u.A. unromantische Beschreibungen wie „riskante Vorleistung“ aus.

Der Zyniker in mir kringelt sich.

Es gibt aber auch (und diese überwiegen) die schönen, die ideellen, die emotionalen Sätze.

„Vertrauen zu genießen ist ein größeres Kompliment als geliebt zu werden.“

„Man kann meist viel mehr tun, als man sich gemeinhin zutraut.“

„Geduld ist das Vertrauen, daß alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist.“

Drissejal, was irgendwer darüber denkt oder schreibt oder analysiert….

Was zählt:

Ich habe Vertrauen in Dich!

Außer, was das Duschgel angeht. 😉

zweites Standbein

Wer sich einmal die ersten Kilometer selbst verdient hat, möchte immer mehr. Es ist wie eine Sucht! Mal verschleudert man sie gedankenlos, mal ganz bewußt für etwas, das einem viel bedeutet, mal vertrödelt man sie und mal sind sie schneller weg, als man gucken kann.

Unlängst geriet ich aber in gewisse Liquiditätsprobleme (also, mein linkes Standbein), sodaß ich mich veranlaßt sah, nach einer Nebenbeschäftigung Ausschau zu halten.

Nun ist der Markt ja nicht gerade überschwemmt mit abwechslungsreichen, spannenden Möglichkeiten, also hatte ich nach kürzester Zeit einen verzweifelten Vorstellungstermin bei Herrn Dehnen.

Der Kerl ist so unsympathisch, steif,  unlustig und erinnert mich auch noch an meinen früheren Sportlehrer. Ganz in Kindheitstage zurückversetzt, würde ich mir am liebsten den Finger in den Hals stecken, um symbolisch zu zeigen, wie begeistert ich bin.

Aber es nützt ja nix.

Wer schön sein will, muß leiden, äh… Wer Kilometer haben will, muß dafür arbeiten.

Das erste Probearbeiten lief wider Erwarten ganz gut, also habe ich angefangen, mich mit der Tätigkeit auseinanderzusetzen. Noch fällt mir die ungewohnte Belastung schwer, aber immerhin kann ich von zuhause aus agieren.

Mein Traumjob wird es sicherlich nicht werden, aber solange ich immer genug Kilometer zum Ausgeben habe…